Vorwärts im Hamsterrad: Tipps und Tricks für das ultimative Burnout

Menschen in der Mitte des Lebens. Der Sanduhr-Blog von Dr. Anja Ostendorp 

 

Wollten Sie auch schon immer wissen, wie ein Burnout gelingt?

Oder haben Sie sich bereits beschwert, dass ausgerechnet Sie noch keins bekommen haben?

 

Kein Zweifel: Burnout ist ein ernstes Thema. Immer mehr Menschen haben sich im Verdacht betroffen zu sein oder erhalten eine solche Diagnose. Die Anzahl ausgebrannter Menschen und entsprechender Krankschreibungen nimmt rapide zu. Nicht nur der Betroffene selbst, auch Angehörige, Bekannte und nicht zuletzt Unternehmen stehen oft ratlos vor der Frage, wie sie sich verhalten und ob bzw. wie sie Unterstützung anbieten sollen.

Bei allem Schwergewicht beginne ich das Thema hier mit einem Augenzwinkern, als paradoxe Intervention sozusagen.

 

Gewidmet ist dieser Beitrag all jenen, die wie meine Klient*innen zwar mitten im Alltag stehen, aber sich dennoch das eine oder andere Mal im Verdacht haben, dass sie auf ein Burnout hinarbeiten könnten.

Dabei spricht mir Ortwein Meiss aus der Seele. Der fragt nämlich: "Wie bringe ich mich in ein Burnout?" und gibt wertvolle Tipps zum Gelingen. Sogar eine Belohnung stellt er in Aussicht für alle, bei denen es bislang noch nicht geklappt hat und die sich endlich an die Umsetzung machen möchten.

 

Sie fragen sich jetzt, was um Himmels Willen die Belohnung sein könnte, wenn jemand Tipps für einen gelungen Burnout befolgt?

Ganz einfach: "Wer schneller lebt, ist früher fertig!"**

 

Na, wie klingt diese Aussicht?

Ist das nicht verlockend, früher "fertig" zu sein?

Schnell sein?

Schneller sein als die anderen?

Quasi als Sieger über die Ziellinie laufen?

 

Gut, das Wort "fertig" kann man freilich sehr unterschiedlich verstehen. Im Sinne von "Aufgabe erledigt", aber auch im Sinne von "müde", "groggy", "erschöpft". Oder sogar - für alle, die besonders dunklen Humor lieben - im Sinne von "fertig mit dem schönen Leben".

Wie auch immer Sie ans Ziel kommen möchten, ganz wichtig für den Burnout-Erfolg ist jedenfalls der Leitsatz: "Gib dir niemals Bestätigung für das, was du tust, und mache dir klar, dass immer noch mehr geht!"**

 

Wünschen Sie noch mehr "Livehacks" für den ultimativen Burnout-Erfolg?

 

Bitteschön!

 

  • Arbeite auf eine Beförderung hin, die entweder nicht kommt oder dir noch mehr Arbeit bringt oder dich inhaltlich überfordert.
  • Lerne auf keinen Fall zu delegieren, sondern mache dir klar, dass du selbst alles am besten kannst. Es geht ohnehin schneller, wenn du alles selbst machst.
  • Beeile dich, Pausen sind ungenutzte Arbeitszeiten und werfen dich um Längen zurück.
  • Vernachlässige deinen Freundeskreis. Wenn du mal Freizeit hast, spreche nur über berufliche Themen.
  • Nehme deine Arbeit überall hin mit.
  • Arbeite dich in einen Rausch, sodass du die Signale deines Körpers nicht mehr hörst. Wenn der dann doch so laut Protest gegen deinen Arbeitsstil einlegt, dass du ihn nicht mehr ignorieren kannst, greife zu Medikamenten und Drogen, um ihn ruhig zu stellen.
  • Wenn du nichts mehr hinbekommst, siehe es zudem als persönliches Versagen, denn wer wirklich leistungsfähig ist, braucht keinen Urlaub und auch keine Freizeit." **

Vorwärts im Hamsterrad: "Es muss sich etwas ändern, aber es darf nichts anders werden!"

 

Haben Sie die Tipps zum ultimativen Burnout bis hierhin gelesen? Und können Sie darüber lachen? Oder hören Sie Ihr Hamsterrad bedrohlich quietschen? Vielleicht haben Sie so reagiert, wie es viele meiner Klient*innen tun, wenn ich von den Meisschen Empfehlungen erzähle: Sie haben ein wenig ertappt und mit einem kaum vernehmbaren Nicken vor sich hin geschmunzelt.

Schließlich bekommen wir augenzwinkernd vorgeführt, wo wir unsere blinden Flecken haben, in alten Denk- und Verhaltensmustern gefangen sind oder vielleicht auch ganz stur mit dem Kopf durch die Wand wollen: 

Nur noch dieses eine Projekt, diese eine Deadline, diese eine Beförderung, dieser eine Meilenstein.

Vorwärts. Ohne Pause.

Kostbare Zeit sparen.

Ungefilterte Leistungsorientierung und hohe Getriebenheit sind Grundvoraussetzungen, um überhaupt ein Burnout zu entwickeln. Nur wer brennt, kann ausbrennen. Befeuert wird dieser Teufelskreis gerade dann, wenn wir uns gestresst fühlen. Die Neurowissenschaften haben das inzwischen umfassend dokumentiert: Sobald sich unser Hirn unter Druck fühlt, legen waschechte Burnout-Kandidat*innen besonders gerne gefährliche Reaktionsmuster und Bewältigungsstrategien an den Tag: Sie geben die Augen-zu-und-durch-Parole aus, beißen die Zähne zusammen und schleppen sich rastlos weiter. Sie hören das Hamsterrad ächzen und kreisen um die immer selben Gedanken, Sorgen, Wünsche und Sehnsüchte. Und das stets in der Hoffnung, den Stress, die Müdigkeit, die drohende Erschöpfung in den Griff bekommen:

 

"Es herrscht die Vorstellung, über noch mehr Anstrengung und noch bessere Ergebnisse die gestellten Anforderungen meistern und die aufkommenden Probleme überwinden zu können."

(Ortwin Meiss **)

 

Personen mit Tendenz zum Burnout haben also zumindest im Anfangsstadium die Strategie, Verbesserung durch Verschlimmerung herstellen zu wollen. Ganz genau das ist das Paradoxe, das uns die Tipps zum erfolgreichen Burnout vor Augen führen: Durch noch mehr Bemühung, durch noch mehr Anstrengung, durch noch mehr Anspannung, durch noch mehr Energieverlust und noch mehr Verzicht soll es besser werden. Diese Verschlimmerungs-Verbesserungs-Strategie ist durchaus verständlich, denn irgendwie erhält das geschäftige Vorantreiben die Hoffnung - und die stirbt ja bekanntlich zuletzt. "Ich muss einfach noch A, B und C erledigen, dann wird es besser", erklären mir Burnout-Kandidat*innen aus tiefster Überzeugung. "Eine Pause geht jetzt einfach nicht, denn sonst würden E und F eintreten! Das MÜSSEN Sie verstehen, Frau Ostendorp, ich habe einfach keine Wahl!"

Sicherlich, es fühlt sich arg nach Tretmühle und Hamsterrad an, aber was hilft es?

E und F wären undenkbar. E und F dürfen nicht passieren!

 

Also her mit der Anstrengung.

Mehr davon.

Schneller.

Es muss sich etwas ändern.

Aber es darf nichts anders werden.

 

Hier zeigt sich ein klassischer "Double Bind", wie ihn bereits Watzlawick und Kollegen beschrieben haben.*** Solange wir diese Paradoxie nicht auflösen, drehen wir uns im wahrsten Sinne des Wortes im Kreis. 

 

Wir beschleunigen, anstatt uns die Frage nach Sinn und Unsinn zu stellen

 

In einer solchen Situation ist für Klient*innen meist wirklich kein Ausweg in Sicht. Und nicht nur nicht so richtig in Sicht, sondern schlicht unvorstellbar. Das Hamsterrad dreht sich immer schneller. Damit ist der Teufelskreis noch enger festgezurrt und es wird noch ungemütlicher. Wir steigern unsere Aktivität. Wir machen tapfer immer mehr und mehr desselben. Sicher, wir alle haben diesen klugen Satz schonmal gehört:  "Wenn du keine Zeit hast, gehe langsam!" - Doch wenn es wirklich eng wird, gehen echte Burnout-Kandidat*innen schneller. Sie legen Brennholz nach - und befeuern damit das (Aus-)Brennen.

 

Meine Klient*innen mit Burnout-Potenzial halten oftmals einen Moment inne und staunen, wenn sie sich bewusst machen: Alles im Griff haben zu wollen, heißt konstant unter Spannung zu stehen.

 

Das Steine-Experiment:

 

Setzen Sie sich einmal einen möglichst großen, mit Steinen gefüllten Rucksack auf den Rücken, schnallen Sie sich gleich noch einen weiteren vor den Bauch und hängen Sie sich ein paar zusätzliche, gut befüllte Taschen um.

So weit?

Dann stemmen Sie jetzt bitte mit ihrer rechten Hand einen ordentlichen Felsbrocken in die Luft und versuchen gleichzeitig mit der linken Hand, möglichst viele Kieselsteine aufzunehmen. Achten Sie darauf, dass Sie zu jeder Zeit alle Steine genau im Blick behalten!

 

Na, wie entspannt sind Sie gerade?

 

Auch wenn Sie jetzt das Experiment nicht wirklich gemacht haben, Sie ahnen es sicher:

Wer fleißig noch mehr Steine stemmt, wer tapfer rennt in seinem Hamsterrad, wer eher einen Zahn zulegt anstatt durchzuschnaufen, und wer darauf hofft, dass es morgen / mit Ferienbeginn / im nächsten Jahr / irgendwann endlich einmal ruhiger wird, der ist ein erstklassiger Burnout-Kandidat.

 

Wir wissen inzwischen, dass Menschen ein Burnout nicht einfach jobbedingt bekommen. Max und Moritz können die identischen Anforderungen im Job haben, und dennoch bekommt Max ein ausgewachsenes Burnout, während Moritz sein Pensum mit souveräner Gelassenheit bewältigt.

Es spielt eine große Rolle, wie unser ganzes Umfeld, unser System, beschaffen ist, welche Sicht wir auf die Dinge haben und auf welche Bewältigungsmuster wir zurückgreifen. Es geht um unsere Gesamtkonstellation, um unsere Motivation, unsere Leit- und Glaubenssätze, um Sinnfragen, Haltungen, Werte, Prioritäten und Entscheidungskompetenz.

 

Ein beginnendes Burnout kann ich nur dann stoppen, wenn ich innehalte und mir Überblick verschaffe. Welche Steine behalte ich, welche lege ich ab? 

Wenn ich den Blick öffne und meine Möglichkeiten erweitere.

 

 

Der WEg aus dem Hamsterrad: Burnout-Prophylaxe beginnt Jetzt

 

Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir Regie übernehmen. Deshalb macht es im wahrsten Sinne des Wortes SINN, sich Alarmsignale frühzeitig einzugestehen. Und zwar idealerweise wirklich genau dann, wenn sie kleine, versteckte Warnlichter sind und wir noch über humorvolle Tipps zum erfolgreichen Burnout schmunzeln können.

Denn erste Anzeichen einer Ausbrenn-Gefahr können Sie in der Tat daran erkennen: Wenn Sie sich bei den Tipps für das perfekte Burnout dabei ertappt haben, dass Ihnen das gar nicht so fremd vorkommt. Wenn Sie beim Lesen schmunzelnd genickt haben. Und wenn Sie locker selbst in der Lage gewesen wären, diese Liste fortzusetzen.

 

 

Und was dann? Congratulations!

 

Sie haben sich ertappt?

Zu aller erst: Glückwunsch!

Gratulieren Sie sich dazu, dass Sie sich selbst so früh auf die Schliche gekommen sind.

Das ist bereits eine gute Ausbeute!

Vielleicht haben Sie genau wie der Hamster auf dem Bild voller Neugierde einen langen Hals gemacht und mutig herausgeschaut aus dem Hamsterrad, aus dem ganz alltäglichen Wahnsinn, aus Ihrer Gewohnheitsrealität.

 

Jetzt kann es Ihnen helfen, wenn Sie nochmal an die Gesetzte des Brennens denken. Sie erinnern sich: Ein beginnendes Burnout halten Sie nicht auf, wenn Sie ständig Brennholz nachlegen. Ich kann Feuer nicht weiter anheizen und gleichzeitig darauf vertrauen, dass es morgen wie von Zauberhand erlischt. Das Karussell der Ansprüche, Anforderungen und Überforderungen kann ich nur im JETZT unterbrechen.

Dafür muss ich nicht von heute auf morgen mein Leben auf den Kopf stellen. Manchmal hilft es schon, überhaupt über den Tellerrand geschaut und Bestandsaufnahme gemacht zu haben. Und sich dann einen konkreten Zeitrahmen zu verordnen, wann die neuen Schritte weitergehen. Zum Beispiel mit einem Beschluss wie diesem: "Bis zum 31. März mache ich noch so weiter - und wenn dann immer noch keine Verbesserung da ist, dann bitte ich meinen Chef / mein Team / meine Frau / meinen Partner um ein Gespräch." 

 

Erst dann, wenn ich mir selbst im Klaren darüber bin, wo es hingehen soll, mache ich wirklich einen Schritt in die richtige Richtung. Und erst dann, wenn ich mir selbst darüber im Klaren bin, wo es hingehen soll, kann ich auch nach außen hin klar auftreten. 

 

Im Rückblick sind meine Klient*innen oft erstaunt, wie sie Steine anhäufen und das Quietschen im Hamsterrad überhören konnten. Wie sie jahrelang voller guter Absicht Brennholz nachgelegt haben. Und welche Erleichterung es bringt, Klarheit zu gewinnen.

 

Fazit:

Wer schneller lebt, ist früher fertig.

Und wer schneller aus dem Hamsterrad rausschaut, findet früher neue Wege.

 

Mehr dazu bald wieder hier im Sanduhr-Blog.

 

 



* Hinweis: Dieser Beitrag handelt von Burnout-Prophylaxe. Er zeigt, wie Menschen mit kritischer Reflexion und ggf. einem guten Coaching kraftvoll unterwegs sein können. Er bezieht sich nicht auf ein fortgeschrittenes Stadium, in dem Personen oftmals nur schwer oder kaum noch in der Lage sind, ihren Alltag zu bewältigen.

Sollten Sie sich selbst in einer derart ernsten Situation befinden oder derart ernste Symptome bei einer Ihnen nahestehenden Person beobachten, zögern Sie nicht, sich unverzüglich an Ihren Hausarzt zu wenden, sich nach Hilfe umzusehen und therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

** Quelle: Meiss, O. (2016). Hypnosystemische Therapie bei Depression und Burnout (2. Aufl.), Carl-Auer.

*** Der Klassiker der Kommunikationstheorie: Watzlawick, P., Beavin, J.H. & Jackson, D.D. (2007). Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien (11. Aufl.), Verlag Hans Huber.