Vorsicht Rat-Schlag oder: "Sehen Sie es doch endlich ein, Ihr Meerschweinchen ist an allem schuld!" 5 Sätze, die Sie von einem professionellen Coach nicht hören

Menschen in der Mitte des Lebens. Der Sanduhr-Blog von Dr. Anja Ostendorp 

Erinnern Sie sich an Bernd Burkhard und den SOS-Konflikt? 

Bernd Burkhard, der Abteilungsleiter beim Nahrungsmittelkonzern FIT-FETT*, hatte ein wahrhaft ausgewachsenes Problem: Bereits der Anblick seiner Vorgesetzten Schnittmaier brachte ihn derart in Rage, dass ein friedlicher Montagmorgen für ihn im Handumdrehen zum Albtraum werden konnte.

 

(SAME OLD STORY: Bernd Burkhard und der SOS-Konflikt)

 

Auch die Frau des Fünfzigjährigen litt bereits unter dem Zustand: Episode 17 der siebten Staffel "Burkhard versus Schnittmaier" konnte sie bei aller Engelsgeduld nicht mehr hören. Die Lage war verfahren und Mann mit dem offenen Gesicht und der tiefen Stimme entschlossen: "So kann es nicht weitergehen!" 

 

Wie es jedoch weitergehen sollte, war zunächst völlig offen.

Stumme Resignation? Frontalangriff? Krankschreibung? Offizielle Kündigung? Ehekrach?

Nichts war mehr klar für Bernd Burkhard. Außer: "Es ist Zeit, etwas zu ändern!"

 

Mit diesem Satz und leerem Blick kam Bernd Burkhard ins Sanduhrmodell Coaching. Seinen Schlachtruf am Auftakt unserer ersten Sitzung kann man freilich als reine Feststellung hören. "Es ist Zeit, etwas zu ändern" - das heißt dann schlicht und ergreifend: Herr Burkhard möchte etwas ändern. Was, das ist noch nicht klar.

 

Betrachten wir einen mächtigen Fallstrick, der auf alle Hilfsbereiten, Rat-Gebenden, Kümmerer und Unterstützer*innen lauert:

 

Auch wenn es dringend ist, kann niemand zaubern! 

 

Auf der Appellebene** hören waschechte Dienstleister genauso wie ambitionierte Freizeit-Ratgeber und anderweitig Hilfswillige statt einer Feststellung schnell eine Aufforderung. Eine sehr eindringliche sogar: "Los, mach' was!"

 

 

Hand aufs Herz: Sind sie ein Rat-Schläger?

Wie ist das bei Ihnen?

Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Partner / Ihre Kollegin / Ihr Mitarbeiter / Ihr Freund hätte akute Sorgen und schüttet Ihnen beim Feierabendbier spontan das Herz aus.

Na? Hand aufs gutmeinende Herz! Hören Sie einen Handlungsauftrag heraus?

 

Oft geht es uns ja so: Bereits während wir den verzwickten Szenarien mit all ihren Facetten lauschen, sind wir parallel damit beschäftigt, nach Erklärungen, Antworten und Änderungsmöglichkeiten zu suchen. "Sprich doch direkt mit deiner Chefin!" oder: "Ich würde jetzt erstmal Urlaub nehmen", sind entsprechend wohlgemeinte Ratschläge. Doch hier heißt es: Vorsicht Rat-Schlag! Wissen Sie wirklich, was genau diese Person in genau dieser Situation braucht? Oftmals weiß es der Betroffene selbst nicht. Er sieht den Wald vor Bäumen nicht mehr oder irgendetwas anderes hindert ihn an der Umsetzung. Schließlich befände er sich sonst nicht in der misslichen Lage. So schön es wäre: Wenn jemand schon lange um ein Für und Wider kreist, dann hilft in der Regel kein pfeilschnell abgelieferter Lösungsvorschlag. Zumindest nicht, um eine wirkliche Änderung der vertrackten Situation zu erreichen. Die Macher unter Ihnen werden sich jetzt krümmen. Ich bitte Sie um Geduld - vielleicht lesen und beoachten Sie hier zunächst einmal weiter:

 

Woran erkennen Sie, dass die Not Ihres Freundes wirklich als SOS-Konflikt festgefahren ist? Das wird unter anderem dann besonders deutlich, wenn er beginnt, die Gegenposition einzunehmen. Auf ein: "Mach doch erstmal mal Urlaub", wird entsetzt abgewehrt. Wechseln wir zu: "Ich würde erstmal einfach weitermachen wie bisher", bekommen wir ein: "Ich kann nicht mehr! Ich brauche eine Pause! Weißt du eigentlich, wie lange mein letzter Urlaub her ist?" Viellleicht kennen Sie auch die defensive Variante: Auf Ihren resoluten Rat hin ("Du brauchst jetzt erstmal Urlaub!") kommt ein mattes "Ja, ich weiß..." Sie freuen sich über die Einsicht - und zwar genau so lange, bis Sie das nächste Mal mit Ihrem Freund sprechen und erfahren, dass weit und breit kein Urlaub in Sicht ist. Dann wiederholt sich das Spiel: "Ich habe dir doch gesagt, du brauchst dringend erstmal Urlaub!" - "Ja, ich weiß..."

 

Der Gesprächspartner als Prozessbegleiter

 

Bei aller Hilfsbereitschaft - leider können wir nicht einfach voraussetzen, was unseren Freund, unsere Kollegin, unser Mitarbeiter, unsere Partnerin oder eben Bernd Burkhard demotiviert und was ihn motiviert. Wir - und auch er selbst - wissen oftmals gar nicht, was in genau dieser Situation guttut ("jetzt Urlaub!") bzw. Angst macht ("Urlaub? Einfach flüchten ohne zu wissen, wie es weitergeht?"). 

Doch gerade wenn der Leidensdruck einmal so hoch ist, wie im Falle unseres an sich hochkompetenten und energiegeladenen Abteilungsleiters von FIT-FETT, dann sollten wir uns als hilftbereiter Gesprächspartner ein großes Warnschild vors innere Auge halten: "Vorsicht Aktionismus-Gefahr!"

 

Damit begegnen wir einer Maxime systemischen Arbeitens: Wenn wir uns nicht immer weiter im Kreis drehen wollen, sondern echte, anhaltende Lösungen für ein Problem suchen, dann dürfen wir uns nicht vom Naheliegendsten verleiten lassen: Vorsicht also bei vorschnellen Erklärungen, Urteilen und Rat-Schlägen. 

 

Ganz besonders für professionelle Beratungsprozesse heißt das: Anstatt wildentschlossen voranzustürmen, braucht der Gesprächspartner nun einen kühlen Kopf und einen strukturierten Fokus auf  Wechselwirkungen und Dynamiken. Das konkrete Anliegen befindet sich mittendrin in dieser wildwuchernden Landschaft, mittendrin in einem einzigartigen, lange gewachsenen System.

 

Daher nimmt ein professioneller systemischer Coach eine wertschätzende und bescheidene Haltung ein: Ihm ist klar, dass er weder allwissend ist, noch zaubern kann. Doch jenseits von Kristallkugel und Zauberkunst ist der systemische Coach Experte im Beobachten, im Perspektivwechsel und im Prozessbegleiten. Dafür bringt er im besten Falle sehr viel Wissen, Erfahrung und methodisches Werkzeug mit. Was er aber definitiv vorab nicht hat, ist die Lösung.

Denn die ist nun mal einzigartig.

 

Schauen wir also auf fünf Dinge, die ein professioneller systemischer Coach niemals sagen würde.

 

 

5 Dinge, die ein professioneller Systemischer Coach niemals Zu IHNEN sagt

 

1. An Ihrer Stelle würde ich mich bei Ihrer Chefin aber nicht entschuldigen! Der würde ich zeigen, wo es langgeht. Da würde ich mal ordentlich auf den Tisch hauen!

 

2. Passen Sie auf, ich sage es Ihnen jetzt nochmal zum Mitschreiben: Sie gehen jetzt zu der Schnittmaier und sagen ihr: 'Frau Schnittmaier, wir zwei müssen reden!' Sprechen Sie laut und deutlich und schauen Sie ihr dabei von oben herab direkt in die Augen. Das signalisiert Dominanz!"

 


3. Ich bitte Sie, Frau Schnittmaier hat doch recht! Sie müssen doch auch merken, dass Sie mit der Rumschreierei bei Ihrem Team nicht weiterkommen. Regen Sie sich doch nicht auf, das darf doch nicht so schwer sein!
4. Sie sind einfach gestresst, Sie Armer. Sie müssen mal abschalten abends. Lesen Sie ein gutes Buch oder trinken Sie doch einfach mal ein Gläschen Wein. Das entspannt und macht Sie weniger reizbar.
5. Ich wusste ja schon immer, dass an dem Konflikt mit Frau Schnittmaier eigentlich Ihr Bruder / Ihre Vermieterin /  Ihr früherer Wasserballett-Partner / Ihr Urgroßvater / Ihr Meerschweinchen schuld ist! Sehen Sie es doch endlich ein und lassen Sie uns das die nächsten sieben Jahre analysieren!

 


Verstehen kann man das Leben NUR rückwärts, verändern muss man es nach vorn

 

In Bernd Burkhards Fallvignette haben wir gesehen, welche Faktoren zum SOS-Konflikt Burkhard vs. Schnittmaier beigetragen hatten. Wir haben ihn begleitet, als ihm seine alten Erwartungs- und Konfliktmuster bewusst wurden: Das Bedürfnis nach Entscheidungsspielräumen, nach Autonomie und Zeitsouveränität. Und natürlich auch die Art und Weise, wie Frau Schnittmaier auftrat und immer wieder aufs Neue Bernd Burkhards rote Knöpfe drückte.

Zum einen sollten wir also vorschnelle Lösungsratschläge vermeiden. Zum anderen sollten wir beim Blick auf die invidiuelle Konfliktgeschichte uns nicht an der Vergangenheit festklammern:

 

Die Vorgeschichte kann tatsächlich mit der dominanten Großmutter, dem kontrollsüchtigen Wasserballett-Partner oder dem dauerfiependen Meerschweinchen zusammenhängen.

Muss sie aber nicht.

Und falls es eine Vorgeschichte mit der dominanten Großmutter, dem kontrollsüchtigen Wasserballett-Partner oder dem dauerfiependen Meerschweinchen gibt, dann kann diese Vorgeschichte eine große Rolle spielen.

Muss sie aber auch nicht.

 

"Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, verändern muss man es nach vorn", wusste bereits der dänische Philosoph Soren Kierkegaard. Wichtig ist, dass wir nicht um Anklagen und Schuldzuweisungen kreisen. Sonst würden wir wie hypnotisiert ums Problem kreisen. Produktiv geht anders, produktiv geht nach vorn, schaut auf Ressourcen und Möglichkeiten.

Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie konsequent dieser systemische Blick auf Lösungen ausgerichtet sein kann, dem sei an dieser Stelle Steve de Shazers lösungsorientierter Kurzzeitansatz empfohlen.***

 

Anschließend finden Sie hier eine Sammlung systemischer Fragetechniken. Diese sind allgemein ganz wunderbar dazu geeignet, eine drohende Problemtrance aufzubrechen und den Prozess der Lösungssuche nach vorne zu bringen. 

 

 

10 BEISPIELE FÜR Systemische Fragen

 

 

1.  Wann war das einmal anders, wann lief es gut mit Frau Schnittmaier?

 

2.  Was genau war da anders und weshalb?

 

3.  Was würde Ihr Kollege Müller mir über diesen Konflikt erzählen?

 

4.  Was glauben Sie, was mag Frau Schnittmaier an Ihnen?

 

5.  Was müssten Sie tun, damit der Konflikt so richtig eskaliert?

 

6.  Was passiert, wenn nichts passiert?

 

7.  Einmal abgesehen von Frau Schnittmaier: Was hilft Ihnen dabei, einen Konflikt zu lösen?

 

8.  Wie verhalten Sie sich sonst in Konfliktgesprächen?

 

9.  Was möchten Sie genau so weitermachen und was möchten Sie verändern?

 

10. Welchen Nutzen und welches Risiko könnte XY für Sie haben?

 

Haben Sie Lust auf den systemischen Dreh bekommen? Oder praktizieren Sie ihn bereits? Dann wissen Sie sicherlich, dass diese zehn Fragen natürlich nur Beispiele sind. Sie alle dienen uns dazu, Zusammenhänge, Wechselwirkungen und Dynamiken zu verstehen sowie Ressourcen und Potenziale zu erschließen. Sie sollen das, was längst eingefahren oder bereits verfahren ist, neu beleuchten und auf diesem Weg neue Möglichkeiten und Lösungansätze ins Spiel bringen Weitere Anregungen liefert beispielsweise die umfangreiche Sammlung von Kindl-Beilfuss. Die Lektüre dieser Sammlung lohnt sich nicht nur für systemische Coaches, sondern für alle, die Mittel und Wege suchen, wie sich Festgefahrenes verflüssigen und ein neuer Blick auf Altbekanntes gewinnen lässt.****

 

 

Lebe wohl, du schöne Hypothese!

 

Wir haben gesehehen: Wenn wir es nicht besser wissen, dann müssen wir uns langsam an die Lösung herantasten.

Neben den systemischen Fragetechniken sind dafür Hypothesen besonders hilfreich. Damit machen Sie ein Interpretations-Angebot, welche Dinge relevant sein könnten, um vorwärts zu kommen. Kann der Klient etwas mit Ihrer Hypothese anfangen? Gut, dann wird die Richtung weiterverfolgt.

 

Wenn nicht, wird die Hypothese fallengelassen.

 

Erinnern Sie sich an Bernd Burkhards SOS-Konflikt? Im Coachingprozess mit dem Abteilungsleiter war das beispielsweise hier der Fall:

 

AO: Herr Burkhard, mir fällt auf, dass Sie besonders auf das Stichwort "Zeitvorgabe" reagieren. Eine Hypothese dazu könnte sein, dass das Thema Druck für Sie ein roter Knopf ist.

BB: Nein! Überhaupt nicht! Unter Druck arbeite ich sogar besonders gut. Den mache ich mir manchmal extra, damit ich die Dinge geschafft kriege.

AO: Okay. Das klingt ja nach einem guten Trick, den Sie da anwenden. Wie machen Sie das denn genau, wenn Sie sich selbst eine Dosis Zeitdruck verpassen?

 

Herr Burkhard war nicht einverstanden mit dieser Hypothese. Also wurde sie fallengelassen und eine neue, ressourcenorientierte Frage gestellt ("Wie machen Sie das denn?"). Die Bereitschaft, eine Hypothese fallen zu lassen, ist ganz zentral. Denn auch wenn sich ein Coach vielleicht ein wenig in seine eigene Hypothese verliebt hat, festhalten darf er sie nicht. Meine damalige Supervisionsausbilderin Anne Schoberth, eine Koryphäe systemischen Denkens und Arbeitens, drückte es einmal so aus: "Man darf mit einer Hypothese flirten, man darf sich auch ein bisschen in sie verlieben - aber heiraten darf man sie nicht."


Auf diese Weise hatte sich Bernd Burkhard seinen eigenen Lösungsweg gebahnt, ganz ohne Rat-Schläge und Urteile.

Coaching als Prozessbegleitung.

 

Falls auch Sie künftig ein wenig mehr systemischer Prozessbegleiter als vorschneller Rat-Schläger sein wollen, dann probieren Sie es einfach einmal aus mit dem Fragen-Stellen, dem Hypothesen-Anbieten und dem Hypothesen-Fallenlassen.

Vielleicht beim nächsten Feierabendbier mit dem Kollegen.

 

Wie bitte? Sie hatten aber eine besonders gute Erklärung?

Und Ihr Gegenüber spring trotzdem noch nicht auf Ihre Meerschweinchen-Hypothese an?

 

Na, dann ist es wirklich höchste Zeit, dass wir es in Frieden ruhen lassen, das Meerschweinchen.

 

Zumindest im Hier und Jetzt scheint es einfach keine Rolle zu spielen.

 

Lebe wohl, du schöne Hypothese.  

 

Und bis zum nächsten Mal!

 

(P.S. Dass uns eine Hypothese zu einem späteren Zeitpunkt überraschend wieder begegnen kann, lesen Sie bald im Blogartikel "Every meaning has its homecoming festival!" Zur überraschenden Rückkehr totgeglaubter Hypothesen.)

 



*       Name geändert und Fall wie bei allen Fallvignetten anonymisiert.
**     Zur Unterscheidung der Ebenen Sache, Beziehung, Selbstaussage, Appell: Schulz von Thun, F. (2011). Miteinander reden. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation (11.Aufl.), Rowohlt Taschenbuch Verlag.  
***   De Shazer, S. (2006). Der Dreh: Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie (9. Aufl.), Carl-Auer.
**** Kindl-Beilfuss, C. (2008). Fragen können wie Küsse schmecken. Systemische Fragetechniken für Anfänger und Fortgeschrittene, Carl-Auer.