"Grüse aus Rom" ohne Korrektur. Wie Maria Thiele die Sonne genoss, anstatt ihre Rechtschreibung zu kontrollieren

 

Menschen in der Mitte des Lebens. Der Sanduhr-Blog von Dr. Anja Ostendorp 

Maria Thiele*, Personalleiterin, 45 Jahre

 

Maria Thiele ist eine hellwache Person. Sie tritt äußerst geordnet auf, ist sehr gepflegt gekleidet und erscheint bestens organisiert.

Bestnoten, tolle Arbeitszeugnisse, klangvolle Referenzen.

Ganz aufrecht sitzt sie mir gegenüber, sie schaut mich aufmerksam an, hat unzählige Notizen und Dokumente mitgebracht. Unseren Ersttermin hatte sie mir mit hoher Priorität bestätigt, in wohlgesetzten Worten und mit Empfangsbestätigung versandt. Sehr professionell, formvollendet und selbstverständlich fehlerfrei.

 

Ihr Anliegen:

Alles in allem fühlt sich die Personalleiterin wohl in ihrem Betrieb, der ihr gute Rahmenbedingungen bietet und wo es, wie sie erzählt, "sehr menschlich zugeht". Doch sie wird das Gefühl nicht los, dass es irgendwie nicht rund läuft. Immer häufiger ertappt sie sich dabei, spät abends noch über die Arbeit nachzudenken. Zwar ist sie nach langen Arbeitstagen hundemüde, aber irgendwie aufgekratzt. Das Abschalten fällt ihr zunehmend schwer. Anspannung statt Entspannung, obwohl alles Routine ist - wie sie betont.

Ihrem Chef ist diese diffuse Unruhe aufgefallen - und das Unternehmen hat ihr ein Coaching ermöglicht. 

 

Frau Thiele kommt mit dem Wunsch zu mir, eine Bestandsaufnahme zu machen und entscheidet sich für das Sanduhrmodell Programm. Sie sagt, sie muss einmal wirklich sortieren, was wichtig ist und was nicht. Sie wünscht sich Klarheit. In unseren Sitzungen sucht sie sorgfältig nach den passenden Worten. Sprachliche Ungenauigkeit ist ihr ein Graus. Manchmal prüft sie in drei oder vier Anläufen, wie sie einen Sachverhalt am besten formuliert, klopft Begriffe ab, gurgelt mit Silben. Sie, die sonst so eloquent redet, ist dann um Worte verlegen. Wenn Maria Thiele über ihre Arbeitserfolge spricht, leuchten ihre Augen. Doch immer wieder kommt sie ins Stocken und entschuldigt sich. Sie sagt: "Das bringt es nicht auf den Punkt." 

 

Irren ist menschlich und der Rechtschreibfehler hätte nicht passieren dürfen

Sie sagt, dass es ihr schwer fällt, sich einen Fehler einzugestehen - wenn sie denn mal einen macht. Und dass sie auch bei anderen schnell ungeduldig wird. Wenn ihr Chef nicht direkt auf eine Anfrage antwortet, rollt sie mit den Augen. "Dem fehlt Struktur", sagt sie. Sie sagt: "Entschuldigung, so eine Sache ist doch sofort erledigt! Das ist doch besser, als etwas auf die lange Bank zu schieben!"

 

Und direkt nach diesem kleinen Gefühlsausbruch wirkt es fast so, als wollte sie ihre Worte wieder einfangen: Er sei ein toller Chef. Manchmal sei er einfach überfordert. Das dürfe man ihm auf gar keinen Fall übel nehmen.

 

Sie sagt: "Irren ist menschlich" und: "Der Rechtschreibfehler hätte mir nicht passieren dürfen".

 

Sie sagt: "Ich komme sehr gut mit den Leuten im Betrieb klar" und: "Unter Zeitdruck verliere ich schnell die Nerven".

 

Sie sagt: "Verantwortung übernehmen gehört dazu" und: "Ich bin froh, wenn ich nicht entscheiden muss".

 

Sie sagt: "Ich habe gelernt, mit Konflikten umzugehen" und: "Bei Kritik lasse ich das Rollo runter."

 

Sie sagt: "Es passt schon alles" und: "Es fühlt sich nach Stillstand an".

 

Sie sagt: '"Mir geht es gut" und: "Manchmal könnte ich hinschmeißen.

 

Sie sagt, sie klage auf hohem Niveau. Und doch ist es real für Maria Thiele: Das Leiden unter Druck und das Leiden unter Routine.

 

Sicherlich könnte Maria Thiele noch eine Weile so weitermachen: mit angezogener Handbremse alles geben.

Doch sie ahnt: Eher kurz- als langfristig würde sich das bemerkbar machen. Eine gute Fahrt mit angezogener Handbremse ist eben nicht möglich. Irgendwann qualmt es und die mühevoll erzeugte Bewegung kommt krachend zum Stillstand. Es lohnt sich, genau hinzuschauen und herauszufinden, wo es klemmt. 

 

Im Sanduhrmodell Programm hilft es Maria Thiele besonders, die verschiedenen Erwartungen zu analysieren, die sie an sich selbst und die andere an sie stellen. Zu verstehen, woher es kommt, dass all diese Erwartungen Macht haben und ihr ohne Klarheit keinerlei Priorisierung möglich ist. Erst als sie ihre alten Verhaltensmuster bewusst vor Augen hat und wir ihre Kompetenzen, Bedürfnisse und Veränderungswünsche sortieren, gelingt es ihr, die Handbremse zu lösen. 

 

Gründlich: ja. verbissen: Nein.

Maria Thiele wird klar, dass sie nachsichtiger mit sich selbst und anderen umgehen möchte. Dass weniger manchmal mehr ist und dass sie niemandem etwas beweisen muss. Dass Ruhe und Gelassenheit zum professionellen Arbeiten dazugehören. Dass Rechtschreibfehler nicht den Weltuntergang bedeuten. Dass sie nicht mehr schmallippig auf Kritik reagieren muss, sondern diese in aller Ruhe aufnehmen und für sich prüfen kann. Und schließlich: Dass sie im Betrieb entspannter auftreten und konsequent Verantwortung übernehmen möchte. 

 

Sie sagt: "Ich möchte mir selbst den Weg frei machen. Ich habe noch eine ganze Lebenshälfte vor mir!"

Sie sagt:  "Kritik gehört zum Leben und wer mich beleidigt, bestimme ich selbst!"

Sie sagt: "Mein erster Schritt im Geschäft ist das Gespräch mit meinem Chef über meinen Aufgabenbereich und die Reisetätigkeiten."

 

In der Arbeit mit dem Werte- und Entwicklungsquadrat** nähert sich Maria Thiele zunehmend einer für sie passenden Balance zwischen Gründlichkeit und Gelassenheit an. Mittlerweile fühlt sich die Personalleiterin den Anforderungen im Betrieb und der damit einhergehenden Verantwortung mit zunehmender Leichtigkeit gewachsen. Sie ist präsent am Arbeitsplatz und kann am Feierabend abschalten. Ihre Kollegen sind erstaunt, in Maria einen erstklassigen, kritikfähigen Sparringpartner gefunden zu haben. Sicher, manchmal ist sie etwas akribisch, aber das ist gut so. Ihrem wachsamen Auge entgeht nichts. Verbissen ist sie dabei keineswegs.

Ihr Chef wundert sich, mit welchem Elan Frau Thiele bei der Sache ist und wie souverän sie dabei auftritt. Ganz ohne langes Reden und ohne altbekannte, umständliche Rückdelegationen. 

Im Rückblick auf das Sanduhrmodell Programm berichtet Frau Thiele, dass sie besonders glücklich über ihre Energie und neu gewonnene Gelassenheit ist. "Das Leben ist so viel leichter geworden", sagt sie und strahlt.

 

 

Seit sie gelassener geworden ist, sind ihr auch die Reisetätigkeiten nicht mehr zu viel. Im Gegenteil: Immer öfter kommt es vor, dass die Abwechslung sogar genießt. Einmal, so erzählt sie nicht ohne Stolz, sei es ihr sogar schon passiert, dass sie per WhatsApp von der Hotelterrasse aus "Grüse aus Rom" nach Hause verschickt habe. Sie haben richtig gelesen: "Grüse aus Rom!"

Sie hat es nicht direkt verbessert, weil sie just in dem Moment, als sie am Tippen war, einen duftenden Espresso serviert bekommen hat. Auch nach dem Espresso hat sie kein *Grüße hinterhergeschickt, so wie sie es früher getan hätte.

 

Stattdessen hat sie die Sonne genossen und mit einem verschmitzten Lächeln registriert, dass die Welt sich tatsächlich weiterdreht.

 

Obwohl sie "Grüse aus Rom" verschickt hat.

Oder weil sie "Grüse aus Rom" verschickt hat.

 

 



*   Name geändert und Fall wie bei allen Fallvignetten anonymisiert.

** Mehr zum hier verwendeten Werte- und Entwicklungsquadrat, das in der Psychologie auf Paul Helwig (1967) zurückgeht und durch Friedemann Schulz von Thun größere Bekanntheit erlangte, finden Sie in: Schulz von Thun, F. (1999). Miteinander reden 2. Stile, Werte, Persönlichkeitsentwicklung, Rowohlt Taschenbuch Verlag.