SAME OLD STORY: Bernd Burkhard und der SOS-Konflikt

Menschen in der Mitte des Lebens. Der Sanduhr-Blog von Dr. Anja Ostendorp 

"So geht es nicht weiter!"

Der Satz kommt aus tiefster Seele.

Ein Paukenschlag.

 

Bernd Burkhard, ein kräftiger Hüne um die 50 mit offenem Gesicht und tiefer Bassstimme, kommt mit dem Anliegen zu mir, seine Lage im Betrieb zu beleuchten. Und - da ist er unmissverständlich - er möchte Konsequenzen daraus ziehen.

"Es wird höchste Zeit zu handeln!", ruft er aus und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Während der sympathische Abteilungsleiter zwei Tassen Kaffee  - "schwarz, bitte!" - trinkt, berichtet er aus seinem Arbeitsalltag: Seit acht Jahren arbeitet er bereits beim Lebensmittelkonzern FIT-FETT, seit rund einem Jahr ist Elke Schnittmaier seine Vorgesetzte. "Die Neue" habe insgesamt einen "passablen Ruf". Doch laut Burkhard war ihre Ankunft das Unglücklichste, was ihm bei FIT-FETT hätte passieren können. Seit der "Ära Schnittmaier", so seufzt er, sähe es "verdammt düster" für ihn aus. Gerade gestern habe ihm die Chefin wieder schmallippig ein sattes Pensum an zusätzlichen Aufgaben verpasst. "Immer wieder kommen neue Forderungen", so Burkhard, "und nie kann es schnell genug gehen."

 

Wie er reagiert habe, gestern, in diesem Gespräch zwischen Tür und Angel, will ich wissen.

Bernd Burkhard mustert mich einen Moment lang verblüfft. So, als wäre dieser Teil der Situation in keiner Weise von Bedeutung. Er hätte gar keine Lust gehabt zu antworten, brummt er schließlich und schaut mich ratlos an. Dann schweift sein Blick ab Richtung Fenster und irgendwie scheint mir der gestandene Mann, der so viel Präsenz ausstrahlt, für einen Moment sehr weit weg.

 

Ob er demnach nichts gesagt habe?

Doch, schon. Sein Blick steift mich nur flüchtig. Er habe "irgendetwas Kurzes und Knappes" gesagt. Er wüsste nicht mehr so genau. Ach so, doch, das sei wohl "Sonst noch was?" gewesen, was er gesagt habe. 

 

"Wie haben Sie das denn gesagt?", hake ich vorsichtig nach. "Eher leise? Laut...?"

"Naja, ziemlich laut!" Bernd Burkhard fährt sich über die Augen und spannt sich sichtlich an: "Vielleicht etwas scharf, aber die bringt einen auch echt auf die Palme, die Schnittmaier!"

Da gäbe es noch ein anderes Beispiel, wo ihn die Chefin schon am frühen Montagmorgen "auf 180" gebracht habe. Das müsse er mir noch erzählen...

 

Je länger ich zuhöre, desto mehr ahne ich: Da scheint es sich um einen gut eingespielten, waschechten SOS-Konflikt zu handeln. Nicht die Menge an Episoden hilft jetzt weiter, sondern die Suche nach alten Konfliktmustern und neuen Änderungsmöglichkeiten.

 

 

Was ist ein sos-Konflikt?

 

Einen SOS-Konflikt bezeichne ich in Anlehnung an die Namensgebung von Herzlieb** als einen Konflikt, der aufgrund aktueller Anlässe als unglaublich dringend empfunden wird, doch bei genauerem Betrachten alles andere als neu ist: Der SOS-Konflikt hat eine oftmals lange, komplexe Vorgeschichte, in der er sich zuspitzt und schließlich mit ordentlichem Scheppern festfährt: Same Old Story oder eben kurz: SOS.

 

 "Es ist immer wieder dasselbe", seufzt nun auch Bernd Burkhard und rutscht in seinem Sessel ganz weit nach vorne. "Meine Frau kann es schon gar nicht mehr hören. Sie sagt, sobald ich nach Hause komme, geht es nur noch darum, wie mich die Schnittmaier wieder genervt hat."

 

Immer wieder aufs Neue: der Ärger über das Alte 

 

Bernd Burkhard dreht sich im Kreis: Viel hat er schon über die einzelnen Vorfälle gegrübelt, erzählt und sich immer wieder aufs Neue über Altes geärgert.

Inzwischen ist im Betrieb hinlänglich bekannt, dass die Kombination Burkhard-Schnittmaier ziemlich ungenießbar ist. Die Produktivität des Abteilungsleiters und seines Teams beginnt offensichtlich darunter zu leiden und Burkhards Frau kann jede Episode aufzählen, die sich in den letzten Monaten, Wochen und Tagen zugetragen hat. Der Ärger über seine Vorgesetzte ist für den Abteilungsleiter zum Dauerbegleiter seines Arbeitsalltages geworden. "Mittlerweile", so erzählt er und schüttelt fast ungläubig den Kopf, "genügt allein der Gedanke an die Schnittmaier, um mir die Laune für den ganzen Tag zu verderben."

 

Zu diesem Zeitpunkt können wir nicht wissen, weshalb der sonst so professionelle Abteilungsleiter derart gereizt auf Frau Schnittmaier reagiert. Der SOS-Konflikt hat seine ganz eigene Vorgeschichte und entsteht durch die Konstellation der beiden Persönlichkeiten Bernd Burkhard und Elke Schnittmaier. Er ist demnach nicht auf einen einzigen, isolierten Vorfall zurückzuführen. "Es gibt keine Stunde Null", pflegte mein damaliger Lehrmeister an der ETH Zürich, Professor Theo Wehner, in solchen Fällen zu sagen.

 

Zu diesem Zeitpunkt tappen wir also im Dunkeln und ich muss wieder einmal akzeptieren, was bereits Cicero und Sokrates so treffend festgestellt hatten: "Ich weiß, dass ich nichts weiß!"

 

Die momentane Lösungslosigkeit markiert eine der schwierigsten Übergänge im gesamten Sanduhrmodell Coaching-Programm. Denn in der Regel wird hier von allen Beteiligten die meiste Geduld verlangt: Wir hätten gerne die schnelle Lösung, wünschen uns den "Quick Fix". Das Problem ist alt, keiner kann es mehr hören - es soll endlich Schluss sein damit!

"Es ist höchste Zeit zu handeln", hatte der geplagte Burkhard samt Schlag auf den Tisch angesagt. Der Ruf nach Taten hängt in der Luft. Zu akzeptieren, dass wir jetzt beide noch Zeit brauchen, ist eine Herausforderung.

 


Wir brauchen Klarheit nach innen, bevor Klarheit nach außen entsteht

 

 

Im SOS-Konflikt Burkhard versus Schnittmaier sind wir bis hierhin also noch nicht erfolgs-sichtbar vorangekommen. Bislang können wir lediglich festhalten: Hier helfen keine schnellen Urteile, keine klugen Tipps und Rat-Schläge (mehr dazu im Artikel: Vorsicht Rat-Schlag oder "Sehen Sie es doch endlich ein, Ihr Meerschweinchen ist schuld!" - 5 Sätze, die Sie von einem professionellen Coach nicht hören).  Zunächst müssen wir zurück schauen, um nach vorne zu kommen. Im Sanduhrmodell befinden wir uns also in Baustein A, in der es um Verhaltensmuster, Erwartungs- und Meilensteinanalyse geht. Ebenso schauen wir - Baustein B - nach Bedürfnissen, Werten und Motiven. Wir brauchen Klarheit für uns selbst, bevor es in Baustein C nach außen hin sichtbar weitergeht. Bei Bernd Burkhard schaue ich besonders auf Erwartungs- und Konfliktmuster, die seinen SOS-Konflikt vorgebahnt haben. Ebenso wichtig sind seine Ressourcen sowie ein echter, stimmiger Entwicklungs- und Veränderungsbeschluss. So entwickelt sich folgendes Coaching-Gespräch:


AO: Herr Burkhard, mir fällt auf, dass Sie besonders auf das Stichwort "Zeitvorgabe" reagieren. Eine Hypothese dazu könnte sein, dass das Thema Druck für Sie ein roter Knopf ist.

BB: Nein! Überhaupt nicht! Unter Druck arbeite ich sogar besonders gut. Den mache ich mir manchmal extra, damit ich die Dinge geschafft kriege.

AO: Okay. Das klingt ja nach einem guten Trick, den Sie da anwenden. Wie machen Sie das denn genau, wenn Sie sich selbst eine Dosis Zeitdruck verpassen?

BB: Da setzte ich mir einen Termin in den Kalender, eine Art Deadline. Bis da und dahin habe ich das fertig. Und die Deadline verspreche ich dann ganz bewusst auch den Kollegen oder wem auch immer. Damit es auch wirklich verbindlich ist.

AO: Und sowas entscheiden Sie völlig alleine?

BB: Natürlich! Sowas entscheide nur ich!

AO: Wie ist das denn, wenn Sie sowas vorgesetzt bekommen?

BB: Also, da will ich schon mitreden. Ich muss ja verstehen, wieso ich mich beeilen soll.

AO: Das heißt, wenn es sozusagen Ihr eigener Zeitdruck ist, dann passt das. Aber von außen sollte man es Ihnen nicht einfach  vorsetzten?

BB: So ist es! Einfach vorsetzten geht gar nicht!

AO: Also, wer es sich mit Ihnen verscherzen will, der setzt Ihnen einfach was vor, ohne jede Erklärung?

BB (lacht laut auf) Sowas bringt mich total auf die Palme, das hasse ich! Da reagiere ich dann schon auch ziemlich gereizt...

AO: Wie macht das denn Ihre Vorgesetze, die Frau Schnittmaier?

BB: Ha! Die setzt einfach vor! Das kriegt man einen Termin so hingeworfen und dann soll man aufs Gas drücken, egal wie.

AO: Ich könnte mir vorstellen, dass Sie bereit sind, so richtig aufs Gas zu drücken. Aber eben unter der Prämisse, mitzudenken, Verantwortung übernehmen zu können.

BB: So ist es! Es muss auf Augenhöhe sein!

(…)

AO: Mal angenommen, es würde wirklich gut laufen, auf Augenhöhe. Was wäre dann ein Beispiel, wo Sie sagen: Da brauche ich mehr Infos, mehr Freiheit? Und was wäre ein Beispiel, wo Sie sagen: Okay, das kann ich einfach erledigen?


Im weiteren Verlauf wird Bernd Burkhard deutlich, dass er genau dann äußerst gekränkt reagiert, wenn er das Gefühl hat, "von oben herab" behandelt zu werden. Und dass das bei Weitem nicht nur seine Vorgesetzte betrifft, dort aber besonders eskaliert. Mehr und mehr erkennt er seine Reizthemen, auf die er - nicht nur, aber eben ganz besonders - bei seiner Chefin anspringt.

Die berühmten roten Knöpfe.

Wie er auf "Distanziertheit", "hierarchischen Dünkel", "Arroganz" und "Bevormundung" reagiert.

Wie er jedes entsprechende Verhalten seines Gegenübers auf diesen Aspekt hin abklopft.

Wie er jeden Hinweis, den er aus seiner Sicht bekommt, auf sich bezieht.

 

Für Bernd Burkhard ist klar: Jemand, der distanziert auftritt, hält sich "für etwas Besseres" und schaut auf ihn herab. Da muss er Paroli bieten und deutlich zeigen, was er drauf hat. "Leisten, um gesehen zu werden", "auf der Hut sein" und "bloß nicht klein beigeben", sind Leitsätze, die ihn, den gestandenen Fünfzigjährigen mit fundierter Ausbildung und jahrzehntelanger Praxiserfahrung, bislang durchs Leben getragen haben.

 

Dass er das Verhalten seiner Chefin als derart kränkend empfindet, konnte er sich jedoch bislang nicht so richtig erklären. Er war mehr damit beschäftigt, "Beweise" für das Schnittmaiersche ("Fehl-") Verhalten zu sammeln, als sein eigenes Denk- und Verhaltensmuster zu hinterfragen. Dadurch hatte er sich in ein eher reflexartiges Reagieren verstrickt, anstatt wie gewohnt gelassen und souverän zu agieren.

 

Endlich, nach zwölf zehrenden Monaten SOS-Konflikt, findet er neue Fragen und neue Antworten:

Darauf, was ihn speziell reizt. Darauf, was er braucht, um motiviert zu arbeiten. Und nicht zuletzt auch Antworten auf die Frage, wo er zurückstecken kann. So stellt er fest, dass Frau Schnittmaier zwar eine distanzierte Ausstrahlung haben mag, er das jedoch keinewegs als Abwertung seiner Person verstehen muss.  

Ebenso wird ihm bewusst, dass Frau Schnittmaier umso distanzierter agiert, je mehr er versucht, sie zwischen den Zeilen in ihre Schranken zu verweisen. Und dass die Chefin umso umgänglicher wird, je unverkrampfter und professioneller er selbst sich verhält. 

 

Sobald er die Dynamik Burkhard versus Schnittmaier durchschaut hat, ist der Knoten geplatzt. In einem nächsten Schritt (und wirklich nur in dieser Reihenfolge!) kann und soll es dann um Klarheit nach außen gehen.

So macht sich Bernd Burhard weiter auf die Reise - wir kommen zu Baustein C.

 

EEG STATT SOS: Die nächsten schritte

 

In Baustein C schließlich geht es darum, wie Bernd Burkhard in heiklen Situation gelassen bleiben und bei Bedarf möglichst sachliche und produktive Rückfragen stellen kann. Und wie ein Gespräch aussehen könnte, bei dem er seine Chefin darauf anspricht, was er beim Planen und Umsetzen größerer Projekte braucht. Hier ist Burkhard klar und entscheidungsstark. Das weitere Vorgehen stellt für ihn keine Herausforderung dar. Jetzt, wo er innere Klarheit hat, kann er auch nach außen hin wieder klar und souverän auftreten. 

Ganz ohne emotionalen Ausbruch, ohne unterdrückte Wut.

Sachlich, zugewandt und zielorientiert.

Nachdem der Abteilungsleiter sein Gespräch mit Frau Schnittmaier erfolgreich hinter sich gebracht hat, schauen wir in einem Review-Termin, was sich verändert hat und was noch offen ist.

Vorläufiges Ergebnis: Der Gedanke an Kündigung ist verworfen, auch wenn es nach wie vor die eine oder andere Herausforderung gibt und die Sandwichposition zwischen Team und Chefin nicht immer ein Zuckerschlecken ist. Doch wenn Frau Schnittmaier ihm am Montagmorgen über den Weg läuft, bleibt sein Puls vollkommen gleichmäßig. Keine Krisenantennen und keine erhöhte Alarmbereitschaft weit und breit.

 

Sicher, die allerbesten Freunde werden Frau Schnittmaier und Herr Burkhard vermutlich auch in Zukunft nicht. Aber das war auch nicht das Ziel (zum Unterschied zwischen beruflicher und privater Harmonie lesen Sie an anderer Stelle in diesem Blog).

Der SOS-Konflikt ist beigelegt. 

Vorbei sind die aufreibenden Endlosschleifen im Tiefkühlklima.

Keine privaten Fehden, bei denen es nur vorgeschoben um die Sache geht und unter der Hand Status verhandelt wird. 

Keine weiteren Dispute, die von Kränkungen und vernachlässigten Bedürfnissen dominiert werden.

Anstattdessen: Eine vielleicht etwas kühle, jedoch durchaus produktive und professionelle Arbeitsbeziehung.

Die Same Old Story macht Platz für erfolgreiche neue Geschichten. Und die spielen sich nicht auf verdeckten Schauplätzen ab, sondern behalten den Fokus auf die Arbeit.

Das Wissen um seine Veränderungsmöglichkeiten in SOS-Konflikten nutzt Herr Burkhard selbstverständlich nicht nur im Kontakt zu Frau Schnittmaier, sondern überhaupt in schwierigen Gesprächs- und Konfliktsituationen.

 

 Im besten Falle sind die neuen Geschichten also echte Erfolgsgeschichten.

EEG statt SOS.

 

Zum Abschied schüttelt mir Herr Burkhard kraftvoll die Hand: "Herzliche Grüße übrigens auch von meiner Frau. Sie lässt ausrichten, dass sie den Feierabend tatsächlich wieder gerne mit mir verbringt", strahlt er und lacht sein tiefes Lachen:

"Meistens zumindest!"



 

*       Name geändert und Fall wie bei allen Fallvignetten anonymisiert.

**     Herzlieb, H-J. (2012). Konflikte lösen. Konfliktpotenziale erkennen - in Konfliktsituationen souverän agieren (4. Aufl.). Cornelsen.

***   De Shazer, S. (2006). Der Dreh: Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie (9. Aufl.). Carl-Auer.

**** Kindl-Beilfuss, C. (2008). Fragen können wie Küsse schmecken. Systemische Fragetechniken für Anfänger und Fortgeschrittene. Carl-Auer.