"Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu!" Menschen in der Mitte des Lebens

Der Sanduhr-Blog von Dr. Anja Ostendorp 

Sie sind zwischen Mitte 30 und Ende 50. Sie haben bereits viel erlebt und sie möchten noch viel erleben. Sie stehen mitten im Leben. Sie fragen: Was ist mir wichtig? Wie ticke ich? Was will ich nicht (mehr)? Was soll bleiben, was möchte ich verändern - und wieso ist das manchmal bloß so unglaublich schwer? 

In meiner Arbeit begegnen mir zahlreiche Menschen mit genau diesen Fragen. Manche kommen mit dem dringenden Bedürfnis, die zahlreichen Anforderungen in der randvollen Mitte des Lebens zu vereinbaren: Den Job, die Partnerschaft, die Kinder, die pflegebedürftigen Eltern, die Gesundheit, das Hobby, das Ehrenamt, den Jobwechsel, die Weiterbildung. Sie sehnen sich nach Ruhe, Muße, Gelassenheit und vielleicht sogar Weisheit, die zu den ersten grauen Haarsträhnen passt.

 

Sie sagen:

Der Druck muss weniger werden! 

Es muss sich etwas ändern!

Ich brauche endlich Zeit für mich!

 

Ihr Leitsatz, der eine Änderung ein ums andere Mal in die Zukunft verschiebt, heißt: Eigentlich müsste man mal...

Dieser Leitsatz hat es zu einer zweifelhaften Berühmtheit gebracht. Was ihn auszeichnet, ist: Er signalisiert Einsicht und eine gewisse Bereitschaft,  ist jedoch immer irgendwo auf die vage Zukunft ausgerichtet. Er ist einer der Sätze, die den Status quo immer wieder neu zementieren und vor sich hin gärende Änderungsbedürfnisse ein aufs andere Mal zu vertrösten.

 

Eigentlich schon, aber...

Morgen!

Nicht jetzt!

 

Im Folgenden finden Sie meine ganz persönliche Top Ten der "Eigentlich müsste man mal..."-Sätze, die mir regelmäßig bei meiner Arbeit begegnen.

 

(Mehr dazu im Blog-Beitrag: "Wie wir uns selbst betrügen".)

 

"Eigentlich müsste man..."

1. Eigentlich müsste man viel besser priorisieren!
2. Eigentlich müsste man viel mehr delegieren. Aber das kostet so viel Zeit, da mache ich es lieber gleich selbst!
3. Eigentlich müsste man mal über seinen Führungsstil nachdenken!
4. Eigentlich müsste man sich um die Talentförderung im Unternehmen kümmern. Irgendwie sind wir nur am Brände-Löschen.
5. Eigentlich müsste man mehr Sport machen und sich wirklich um seine Gesundheit kümmern!
6. Eigentlich müsste man mal eine Standortbestimmung machen und schauen, wohin es gehen soll. Aber irgendwie komme ich nicht dazu, das ist wohl der ganz normale Wahnsinn. 
7. Eigentlich müsste man drüber nachdenken, ob die Vereinsmitgliedschaften und Ehrenämter noch zum aktuellen Bedürfnis passen, gerade auch jetzt mit der Pflegebedürftigkeit meiner Eltern. Schön wäre mehr Spontanität statt tausend Verpflichtungen!
8. Eigentlich müsste man  eine Leadership-Weiterbildung machen, um mit der neuen Führungsrolle zurecht zu kommen. Ich reibe mich zwischen randvollem operantem Tagesgeschäft, irgendwie sinnlosen Jahresgesprächen und ständig wiederkehrenden Mitarbeiterquerelen auf und werde dabei immer reizbarer.
9. Eigentlich müsste man wirklich mal lernen, sich besser abzugrenzen. Anderen geht ein Nein locker über die Lippen und ich selbst schreie auch dann noch "hier!", wenn mein Wochenpensum bereits aus allen Nähten platzt.
10. Eigentlich müsste man sich einfach etwas trauen, ein Sabbatical nehmen, die Welt bereisen. Seit ich klein bin, träume ich von den Nationalparks dieser Welt.

 

"Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu"

 

Oft sind die "Eigentlich-müsste-man-Menschen" reibungslos am Funktionieren.

Sie funktionieren und spüren dennoch, dass sich etwas ändern muss. Nicht wenige von ihnen kennen die kleineren oder größeren Fluchten in Alkohol und ähnliche Betäubung, in überdimensionalen Luxuskonsum als schnelle Belohnung oder apathisches Bildschirm-Gucken als antriebslose Betätigung im Feierabenddelirium. Einige von ihnen kämpfen mit chronischer Erschöpfung und ersten Anzeichen von Burnout. Sie werden zusehends reizbarer. Niemand kann es ihnen mehr recht machen, weder zuhause noch bei der Arbeit. Und die meisten von ihnen schmunzeln, wenn sie den berühmten Satz des Schriftstellers Ödön von Horváth hören: "Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu." 

 

Nicht wenige dieser Menschen in der Lebensmitte fragen sich, ob das jetzt wohl die Midlife Crisis ist.

Sie seufzen: "Auch wenn ich noch so viel arbeite und mache und tue - es ändert sich nichts. Ich bin immer einen Schritt hinter her und nie reicht es aus. Ich fühle mich wie im Hamsterrad!"

 

 "Da geht noch was !"

 

Wieder andere haben einfach Lust, ihr Leben bunter zu leben, sind voller Neugierde und Energie. Sie fürchten sich davor, dass Routine einkehren könnte, dass ihr Alltag sie unterfordert, ihr Wissensdurst nicht gestillt, ihr Potenzial nicht genügend gesehen wird. Sie wünschen sich berufliche oder private Veränderung, frische Herausforderungen, neue Arbeitsformen, einen Jobwechsel, mehr Verantwortung im bestehenden Job. Sie fangen an, portugiesisch zu lernen, Gesangsunterricht zu nehmen oder Saxofon zu spielen. Sie schließen sich einem Debattierclub an, starten eine Weiterbildung in Storytelling oder bereiten eine Vortragsreihe über ihre Fahrradtour von Baden-Baden nach Bangladesch vor.  

 

Ihr Leitsatz: "Das Leben ist kurz - da geht noch was!" 

 

All diesen Menschen ist eins gemeinsam:

Sie haben viel Vergangenheit, sie haben viel Zukunft - und sie wünschen sich Klarheit nach innen und außen. Sie wollen nicht nur funktionieren, sondern mit allen Sinnen fest in der Mitte des Lebens stehen. Sie kennen bereits die eine oder andere Sturmböe und wollen nicht stagnieren, sondern im eigenen Tempo weiter wachsen. Ganz nach ihren individuellen Bedürfnissen, Bedingungen, Werten und Prioritäten. 

 

Dr. Anja Ostendorp Entwicklerin und Leiterin des Sanduhrmodells zur Entwicklung von Führungskräften, Talenten und Charakterköpfen www.sanduhrmodell.com
Dr. Anja Ostendorp Entwicklung & Leitung Sanduhrmodell

Damit sind wir am Ausgangspunkt des Sanduhrmodells. 

 

schön, dass Sie dabei sind!

 

Wenn Sie möchten, lesen Sie hier in meinem Sanduhr-Blog die eine oder andere Fallvignette von Führungskräften, Talenten und Charakterköpfen in der Mitte des Lebens.

Zum Beispiel über den sonst so souveränen und sympathischen Abteilungsleiter Bernd Burkhard, der wegen eines gar nicht so neuen Konflikts kurz davor war, seinen Job an den Nagel zu hängen (SAME OLD STORY: Bernd Burkhard und der SOS-Konflikt).

Oder über die Personalleiterin Maria Thiele, die jahrelang mit ihrem Perfektionismus zu kämpfen hatte und schließlich bis Rom reisen musste, um "Grüse" zu verschicken, die sie nicht korrigierte ("Grüse aus Rom" ohne Korrektur. Wie Maria Thiele die Sonne genoss, anstatt ihre Rechtschreibung zu kontrollieren).

 

Neben den Fallvignetten aus der Reihe Menschen in der Lebensmitte finden Sie hier im Sanduhr Blog weitere bunte Denkanstöße, Fachfragen, Quergedanken und Schmunzelgeschichten aus meiner täglichen Arbeit. Vielleicht profitieren Sie ja von den "ultimativen Tipps für einen erfolgreichen Burnout", die unter dem Motto "Wer schneller lebt, ist früher fertig" stehen (Vorwärts im Hamsterrad: Tipps und Tricks für das ultimative Burnout ). Oder Sie interessieren sich für Fragetechniken und 5 Sätze, die Sie von einem professionellen Coach so nicht hören werden (Vorsicht Rat-Schlag oder: "Sehen Sie es doch endlich ein, Ihr Meerschweinchen ist an allem schuld!").

 

 

Selbstverständlich habe ich gegenüber all meinen Klient*innen Schweigepflicht und erwähne nichts, was einzelne Personen erkennbar machen könnte. Dennoch, auch anonymisiert, finden Sie hier aus verschiedensten Blickwinkeln das pralle Leben und Arbeiten.

 

Lassen sie sich inspirieren!